Gebäude
Collegium Nordicum. Seminarium sanctorum trium regum
Beschreibung

Der Jesuit Martin Gottseer (Gottscheer) war für die Gründung des zweiten Linzer Konviktes unter der Leitung der Jesuiten besorgt. Er hielt sich zwischen 1690 und 1698 als Beichtvater des kaiserlichen Gesandten Franz Ottokar Graf von Starhemberg in Stockholm auf. Nach seiner Rückkehr nahm er sechs junge schwedische Konvertiten mit nach Linz, die im St. Ignatius-Seminar Aufnahme fanden und von denen später fünf katholische Priester wurden. Graf von Starhemberg stiftete die ersten 1.000 Gulden für die Studenten aus dem Norden (im Jahr 1698), und 1699 beherbergte das Ignatius-Seminar bereits 46 Konviktschüler und neun Alumnen aus den nördlichen Ländern (Schweden, Dänemark, Norwegen), deren Unterhalt durch gelegentliche Almosen gesichert wurde.
Im Gefolge von Gottseers Bericht an Rom (1699) befasste sich auch die Congregatio de Propaganda Fide mit der Frage der nördlichen katholischen Mission und der möglichen Einrichtung eines Seminars für junge Konvertiten aus dem „Norden“. Zur gleichen Zeit wie Gottseers Initiative arbeitete auch der sich in Rom befindliche Jesuit Johannes Galdenblad (der ursprünglich dem Hof der Königin Christine von Schweden angehörte und selbst ein Konvertit war) an der Gründung einer ähnlichen Einrichtung. Auf Empfehlung von Papst Clemens XI. bat er in Wien den Kaiser um Hilfe und wandte sich an den Bruder von Franz Ottokar Graf von Starhemberg, Thomas Gundaker, der ebenfalls eine Spende von 1.000 Gulden für die Einrichtung leistete.
Joseph I. gewährte dem Nordischen Seminar durch eine Urkunde vom 15. Oktober 1707 jährlich 1.000 Gulden als Stiftung, die vom Linzer Obermautamt zu zahlen war. Am 18. März 1710 bestätigte er seine Stiftung und behielt sich das Recht vor, drei nichtkatholische adelige Zöglinge zu empfehlen (Präsentationsrecht). Im Jahr 1712 bestätigten die Gründung des Konviktes auch Karl VI. und die Kaiserin Eleonore Magdalena von Pfalz-Neuburg.
In den Jahren 1708–1710 kaufte Gottseer mit zusätzlichen Spenden zwei Stadthäuser (Ehrmann-Haus und Freihaus Cavriani, im Gesamtwert von ca. 27.000 Gulden). 1711–1712 wurde eine eigene Kirche (Bethlehemkirche) und zwischen 1712 und 1716 ein Seminargebäude neben der Kirche gebaut.
Das „seminarium sancorum trium regum“ eröffnete sich im Jahr 1710, benannt nach den drei heiligen Königen der nordischen Länder (Erich von Schweden, Knut von Dänemark und Olaf von Norwegen), mit der heiligen Brigitte als vierter Schutzpatronin. Papst Clemens XI. erachtete das Schicksal des Seminars für besonders wichtig. Auf seine Bitte hin und dank der Bemühungen von Gottseer und Galdenblad spendeten mehrere Bischöfe und Fürsten für das neue Institut, d.h. für den Unterhalt von ein oder zwei jungen Zöglingen aus dem Norden (z.B. die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Prag und Salzburg, die Bischöfe von Eichstatt, Würzburg, Münster und Straßburg, der Hochmeister des Deutschen Ordens Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg und der Kurfürst von der Pfalz). Am bedeutendsten war die Stiftung des Kardinal Fürsterzbischof von Passau, Joseph Dominikus Graf von Lamberg, im Wert von 38.250 Gulden, die er für sechs Buben adeliger oder bürgerlicher Herkunft, nicht aus dem Norden, sondern aus Oberösterreich, machte.
Mitte des 18. Jahrhunderts betrugen die jährlichen Gesamteinnahmen der Stiftungen 14.000 Gulden, genug, um etwa 32 Buben zu versorgen. Die Zöglinge gehörten zu zwei Verpflegungsklassen, wobei die „kaiserlichen und lambergischen Stiftlinge“ eine bessere Versorgung und Kleidung erhielten (gezahlt mit jährlich 200 Gulden pro Kopf). Die Zöglinge aus den nördlichen Ländern erhielten eine bescheidenere Versorgung (gezahlt mit jährlich 120 Gulden pro Kopf).
Der ursprüngliche Zweck des Seminars, katholische (konvertierte) Buben aus den nördlichen protestantischen Ländern zu befähigen, als katholische Priester oder potenzielle katholische Väter in ihre Heimat zurückzukehren, wurde von Anfang an durch eine weitere Funktion ergänzt: Das Seminar diente auch als adeliges Konvikt. Dies belegen die spezifischen Bildungsangebote (Zeichnen, Musik, Fechten, Tanzen) und das eigene jesuitische Personal (Regens, Subregens und ein oder mehr Minister). Nur etwa ein Fünftel bis ein Drittel der 30–35 Zöglinge pro Jahr in den 1730er und 1740er Jahren kamen aus den nordischen Ländern, vor allem aus Dänemark. Im Jahr 1768 hatte das Seminar 67 Bewohner, darunter die vier Jesuiten, das Instruktions- und Dienstpersonal.
Das Nordicum wurde 1787 von Joseph II. aufgelöst, aber ein Teil der Stiftung sollte weiterhin den Bedürfnissen der Alumnen aus den nordischen Ländern dienen. Heute beherbergt das Gebäude das Stadtmuseum.

Jesuitenhäuser


 

Empfohlene Zitation / Javasolt hivatkozás: Kádár, Zsófia: Domicilia Provinciae Austriae Societatis Jesu. Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz. Online Datenbank, 2023. https://leveltar.jezsuita.hu/domicilia

Förderung / Pályázati támogatás: FWF Österreichischer Wissenschaftfonds. Lise Meitner-Projekt M-3041. 
Alle Rechte vorbehalten! / Minden jog fenntartva! © Kádár, Zsófia