Das mittelalterliche Kloster der Augustiner-Eremiten hat im Jahr 1620 der Fundator Balthasar Graf von Thannhausen vom Generalprior des Eremitenordens gekauft. Das Kloster hatte jahrzehntelang leer gestanden, als es die Jesuiten 1621 erwarben. Mit Hilfe des Stifters wurde im folgenden Jahr mit dem Wiederaufbau begonnen.
Ein Plan des Kollegs und der Kirche, gezeichnet als Information des Neubauprojekts (wahrscheinlich aus dem Jahren nach 1621, vermutlich zwischen 1632–1642) für den Jesuitengeneral, ist erhalten geblieben. Der Nordflügel des Kollegs (teilweise nur geplante und nicht ausgeführte Bauteile) zeigt die Räume der Schule (im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss), mit einem Kongregationsoratorium und einem Auditorium darüber. Der Westflügel (neben dem Chorraum der Kirche) und der Ostflügel enthielten Zellen für die Ordensmitglieder. Aus dem Südflügel plante man damals nur einen östlichen Teil: Im Erdgeschoss sollten sich ein Refektorium und eine Küche befinden, darüber die Gemeinschaftsräume für die Terziarier („aula recreationis patrum tertiariorum“). Die Bibliothek wurde im dritten Stockwerk am westlichen Ende des Nordflügels geplant.
Das Ergebnis des großen Umbaus in den 1650er Jahren war nicht weit von diesem Plan entfernt. Die Verlegung des Terziatshauses nach Judenburg und die Stiftung der Ursula von Thannhausen boten die Möglichkeit, den Baukomplex mit einem vierten Flügel im Süden zu „umschließen“, sodass genügend Platz für die Ordensgemeinschaft, die Schule mit vermutlich fünf Sälen, die Bibliothek und die Terziarier vorhanden war. Es ist bemerkenswert, dass die Räume der Terziarier im Gebäude möglichst separat eingeordnet wurde.
Im Jahr 1662 wurde zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk des Westtraktes, d.h. als Verbindung zwischen der Wohnebene und den Seitenemporen der Kirche, eine Prunkstiege fertiggestellt, die Giovanni Battista Cherubini zugeschrieben wird (der auch die ersten und dritten Seitenkapellenpaare der Kirche ausschmückte). Die Prunkstiege ist mit Bildern aus dem Leben des heiligen Joseph und reicher Stuckdekoration geschmückt und ist die früheste bekannte Prunkstiege aus der österreichischen Jesuitenprovinz (gefolgt von vielen anderen, z.B. in Graz, Győr, Pressburg, Leoben, Tyrnau, und Warasdin). Die Neugestaltung der Stiege wurde von Leopold I., der 1660 Judenburg besuchte, großzügig dotiert. Die Prunkstiege wurde 1916 vom Militär, das das Gebäude nutzte, saniert und 1989 erneut restauriert (Harald Mayer).
Der neue Theatersaal des Kollegs wurde 1659 in Anwesenheit des Kaisers eröffnet: Er befand sich im ersten Stock des Westflügels des Kollegs.
Immer wieder zerstörten Stadtbrände den Gebäudekomplex: 1699 brannte das Obergeschoss und ein Teil der Kirche ab, der Hauptaltar war beschädigt, die Wiederherstellung konnte aber mit Spenden (z. B. vom Kaiser Leopold I. 1.200 Gulden Bauhilfe) rasch abgeschlossen werden. Zehn Jahre später wurde die Stadt durch das vom Franziskanerkloster ausgehende Feuer verwüstet, die Jesuitenkirche, das Kolleg (vor allem der Nordflügel mit dem Uhrturm), die Schule und das Josephinum sowie die Martinikirche wurden beschädigt. Der Schaden war beträchtlich, der österreichische Jesuitenprovinzial selbst stellte 3.700 Gulden zur Verfügung, der Rektor des St. Anna-Noviziats weitere 1.000 Gulden für das Judenburger Kolleg. Mit diesen und anderen Spenden renovierte man die Bibliothek, das Refektorium, das gesamte Dach und die Loretokapelle der Kirche. 1758 brannte das Dach über dem Theatersaal und das Obergeschoss durch einen Blitzschlag ab.
Nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu kam das Kolleg und die Schule unter die Aufsicht der k. k. Kameral-Güter-Administration und man nutzte es ab 1776 für Militärzwecke (als die Stadt zur Garnisonsstadt wurde). Heute dient der größte Teil des Gebäudes als Jugendhotel, während im Westflügel die Musikschule untergebracht ist.
Gebäude
Kolleg
Beschreibung
Jesuitenhäuser
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