Einführung
Zielsetzung

Die österreichische Jesuitenprovinz war einer der größten in Europa, sowohl räumlich als auch bezüglich der Mitgliederzahl. Sie umfasste den größten Teil des zusammengesetzten Staates der Habsburger in Mitteleuropa: die österreichischen Erblande Nieder-, Ober- und Innerösterreich sowie den wichtigen Bischofssitz Passau, der aber außerhalb der Monarchie lag. Außerdem das gesamte Gebiet des Königreichs Ungarn, einschließlich Kroatien-Slawonien und Siebenbürgen. Im Jahr 1773, als Papst Clemens XIV. die Gesellschaft Jesu aufgelöst hatte, verfügte die österreichische Provinz über mehr als 60 Niederlassungen. Das einzige Profeßhaus war in Wien, wo sich auch der Sitz des Provinzials befand. Das Rückgrat des jesuitischen Institutionsnetzes bildeten die Kollegien: größere Domizilien mit Gymnasien, die auch als bedeutende seelsorgerische Zentren funktionierten. Im Jahr 1773 gab es 34 von ihnen. Auf der unteren Ebene des Institutionssystems standen die Residenzen und Missionen, die zu einem Kolleg gehörten und in einigen Fällen (vor allem im Königreich Ungarn) sogar ähnliche Funktionen wie die Kollegs erfüllten.
Obwohl im Zuge der Ordensaufhebung eine große Menge an Dokumenten und jesuitischen Hausarchiven vernichtet und zerstreut wurde, lässt sich ein umfassendes Bild der jesuitischen Tätigkeit vor allem aus den zentralen Quellen der Gesellschaft Jesu gewinnen. Die hierarchische Struktur der Gesellschaft zeitigte ein gegliedertes Informationssystem. Die Provinz schickte jährlich einen Bericht über ihre Niederlassungen und deren Tätigkeit an die Ordenszentrale nach Rom („litterae annuae”), außerdem wurden jährliche Kataloge („catalogi personarum”) der gesamten Mitgliedschaft erstellt. (Die Jahreskataloge der österreichischen Provinz wurden von László Lukács in elf Bänden herausgegeben, weitere drei Bände enthalten biographische Daten der Mitglieder). Alle drei Jahre wurden noch detailliertere Listen und Beschreibungen der Personen sowie Berichte über die wirtschaftliche und finanzielle Lage der Häuser („catalogi triennales”) nach Rom geschickt. Da die Österreichische Provinz als Ganzes bisher nicht Gegenstand einer eigenständigen, gezielten historischen Forschung und Darstellung war, sollen das Kataster und die zugehörige Analyse diese Lücke schließen und den Weg für weitere Forschungen ebnen.

Durchführung

Der Kataster wurde mit Unterstützung des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF zwischen September 2021 und August 2023 aus Mitteln des Lise Meitner-Projekts (M 3041) „Neumodellierung frühneuzeitlicher Gesellschaft: Die Jesuiten und die zusammengesetzte Monarchie der Habsburger, 16.–18. Jahrhundert” erstellt. Das Archiv der Ungarischen Provinz der Gesellschaft Jesu unterstützte das Postdoc-Einzelprojekt als Kooperationspartner: Es stellte das Hosting der Datenbank bereit, damit ermöglichte einen langfristigen, sicheren Online-Zugang. Dr. Zsófia Kádár erstellte den Kataster, wobei sie in einigen Teilen auf frühere Forschungen zurückgreifen konnte, diese aber auch in erheblichem Maße durch neue primäre Quellen ergänzte. Das inhaltliche und sprachliche Proofreading des Katasters wurde von mehreren ExpertInnen durchgeführt (siehe unten), von denen der Mentor des Projekts, Ao. Univ.-Prof. Dr. Martin Scheutz eine Schlüsselrolle spielte. Das Projekt wurde in Wien am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, angesiedelt an der Universität Wien, durchgeführt.

Inhalt, Struktur

Die Datenbank beschreibt die Niederlassungen der österreichischen Jesuitenprovinz von ihrer Gründung (1563) bis zu der Ordensaufhebung (1773), wobei aufgrund des aktuellen Forschungsstandes jene Domizile, die nur bis 1571 (Gründung der Polnisch-litauischen Jesuitenprovinz) und jene, die nur bis 1623 (Gründung der Böhmischen Jesuitenprovinz) zur Österreichischen Provinz gehörten, nicht enthalten sind. Das Kataster geht von den einzelnen Häusern als Grundeinheit aus und bietet Informationen über sie in einer einheitlichen Strukturierung. Die Beschreibungen der Kollegs und des Wiener Profeßhauses folgen der gleichen Struktur (siehe unten). Die Beschreibungen der Residenzen und Missionen sind vereinfacht und dem Mangel an Quellen und Grundlagenforschung angepasst. Die Gebäude, die der Gesellschaft Jesu besaß oder verwendete, wurden auch geolokalisiert, so dass die Daten über eine Karte abgerufen werden können. Für jedes Kolleg (und einige größere Residenzen) ist ein Säulendiagramm mit der Mitgliederanzahl enthalten.

Guide zu den einzelnen Datenblättern
Grunddaten

Ort
Stadtname auf Deutsch (und andere Sprachen bzw. heutige Namen).
Die administrative Zugehörigkeit der Stadt in der frühen Neuzeit: Staat, Land bzw. Komitat.

Zeit, Institutionstyp
Zeitraum, Status der Niederlassung, lateinischer Name.

Übergeordnete Jesuitenhäuser
Zeitraum, lateinischer Name der übergeordneten Jesuitenhäuser.

Untergeordnete Jesuitenhäuser
Zeitraum, lateinischer Name der untergeordneten Jesuitenhäuser.

Zeitweilige Pause
Zeitweilige Unterbrechung der Tätigkeit des Hauses, z. B. aufgrund von Krieg oder Epidemie.

Aufhebung
Jahr der endgültigen Aufhebung des Hauses.

Geschichte und Tätigkeit

Anfänge, Gründung
Die Anfänge der Niederlassung: Unterstützer, Gegner, Voraussetzungen der Ansiedlung, die Tätigkeit der ersten Mitglieder. Der Gründer und die Umstände der Gründung.

Stiftung
Beschreibung der Stiftung: erworbenes Vermögen, Grundbesitz, Einnahmen, Gebäude.

Mitgliedschaft
Die Anzahl der Mitglieder, ihre Verteilung nach Tätigkeitsbereichen und Gelübde sowie die Veränderungen im Laufe der Zeit. Charakteristika der seelsorgerlichen Tätigkeit (z.B. verwendete Sprachen, spezifische gesellschaftliche Gruppen, denen die Jesuiten dienten).
Säulendiagram: „Zunahme der Mitgliedschaft nach Status und Tätigkeitsbereichen der Jesuiten (Stichprobenjahren)”. Die Stichprobenjahre sind für alle Niederlassungen gleich und basieren auf den von Ladislaus Lukács veröffentlichten Daten:
Catalogi personarum et officiorum Provinciae Austriae S. I. Bd. I–XI. Hrsg. Von Ladislaus Lukács. Romae, Institutum Historicum S. I., 1987–1995.

Gebäude, Lage in der Stadt
Grundlegende Informationen über Kirchen-, Kolleg- und Schulgebäude usw., mit Geolokalisierung. Kurze Zusammenfassung der Baugeschichte.

Verbundene/Weitere Einrichtungen
Kurze Beschreibung der mit der Niederlassung verbundenen Einrichtungen, z. B. Priesterseminar, (adeliges) Konvikt, Apotheke, Druckerei, Elementarschule usw. Die jesuitischen Noviziate und Terziatshäuser erwähnen wir auch hier.

Schule, Unterricht
Beschreibung des Gymnasiums und der Akademie oder Universität: Klassenstruktur, Anzahl der Lehrer und Schüler bzw. Studenten, sonstige Merkmale. Repetentenkurse als besondere Einrichtungen der jesuitischen Ausbildung wurden hier erwähnt.

Kongregationen
Beschreibung der von Jesuiten geleiteten Kongregationen (Sodalitäten): Titel, verwendete Sprache, Kongregationstyp, Gründungsjahr, Mitgliederzahl usw.

Pfarrei, Weitere Kirche
Andere von den Jesuiten benutzte Kirchen, an ihrem jeweiligen Sitz oder möglicherweise auf einem Landgut. Beschreibung ihrer dortigen Tätigkeit.

Untergeordnete Jesuitenniederlassungen
Namen der zum Kolleg gehörenden Niederlassungen (Residenzen und Missionen). Beschreibungen auf separaten Datenblättern.

Schicksal nach der Aufhebung
Das Schicksal der jesuitischen Einrichtungen, Kolleg, Schulen, etc., insbesondere in den Jahrzehnten nach der Aufhebung.

(Land)Wirtschaft und Erholungsimmobilien

Benefactores
Gruppen der Wohltäter, einige grundlegende Charakteristika, lokale Besonderheiten.

Garten und Sommerresidenz
Vorstadtgarten oder Sommerresidenz für die Rekreation (Erholung) der Ordensmitglieder oder der Schüler bzw. Studenten.

Grundstücke und andere ertragsfähige Immobilien
Die Ländereien des Kollegs: die Größe und Lage der Landgüter. Sonstige Immobilien: Mühle, Mietshaus, Obstgarten, Weinberg usw.

Wirtschaftliche Lage
Weitere Informationen über die ökonomische Lage und Verwaltung der Niederlassung.

Quellen

Archivmaterial
Historische Quellen zur Geschichte der Niederlassung in den Archiven und Handschriftensammlungen (Bibliotheken).

Literatur
Ausgewählte Literatur zur Geschichte der Niederlassung.

ExpertInnen, die für das inhaltliche und sprachliche Proofreading der Datenblätter sorgten

Barta M. János (Kaschau)
Fazekas István (Ofen, Ödenburg, Raab, Tyrnau)
Mihalik Béla (Erlau, Kaschau)
Scheutz, Martin (alle Datenblätter)
Siptár Dániel (Fünfkirchen, Klausenburg)
Stegbauer, Sylvia (Wiener Neustadt)
Varga Szabolcs (Agram, Požega, Varaždin)
Žážová, Henrieta (Tyrnau)