GRUNDDATEN
Steyr, Österreich ob der Enns
| ab | bis | Institutionstyp | |
|---|---|---|---|
| 1632 | 1634 | residentia | |
| 1634 | 1773 | collegium |
| ab | bis | Institutions | ||
|---|---|---|---|---|
| 1632 | 1634 | collegium | Collegium Lincense |
GESCHICHTE UND TÄTIGKEIT
Geschichte
Obwohl die Vorgeschichte der jesuitischen Gründung in Steyr lange zurückreicht, wurde der Rang eines Kollegs erst 1634 erreicht. Die Jesuiten siedelten sich schon 1551 durch Ferdinand I. im verlassenen Dominikanerkloster, nahe dem Stadtzentrum, an. Das Ordenshaus in Steyr wandelte sich erst durch die Stiftung des 1634 in Graz an der Pest verstorbenen Jesuiten Bernhard von Thannhausen, des Sohns des Judenburger Fundators, zum Kolleg. Nach seinem dritten Gelübde, dem Tertiat, leitete Bernhard von Thannhausen die Gründung in Steyr ein. Weil die Mitglieder des Jesuitenordens im Sinne des Armutsgebotes vor der letzten, dem Tertiatsjahr folgenden Profess über kein Privatvermögen verfügen durften, errichtete Bernhard eine – jährlich 3.000 Gulden Zinsen abwerfende – 50.000 Gulden umfassende Stiftung für das Kolleg von Steyr. Als Platz der zukünftigen Jesuitenkirche und des Kollegs wurde nach dem kaiserlichen Befehl das linke Ufer der Steyr, innerhalb der Stadtmauer, gegenüber dem Lamberg-Schloss festgesetzt. Die Jesuiten erhielten vorläufig die dort befindliche Bürgerspitalkirche zugewiesen, daneben wurden 1630 elf Bürgerhäuser (im Wert von 14.000 Gulden) an die Jesuiten zum Bau einer neuen Kirche und eines Kollegs übergeben. Der Magistrat erreichte nur, dass der Monarch auf die rückständige Haussteuer für die Bürgerhäuser (3.000 Gulden) verzichtete.
Stiftung
50.000 Gulden Geldstiftung von Bernhard von Thannhausen SJ, aus denen das Kolleg jährlich 3.000 Gulden Zins erhielt.
Mitgliedschaft
Die Provinzkataloge erwähnen Steyr 1633 als Residenz (mit zwei Priestern, einem Magister und einem Koadjutor). Ab 1635 firmiert das Haus als Kolleg, 1640 wies es schon 14 Mitglieder auf (acht Priester, zwei Magister und vier Koadjutoren). Nach 1671 wurde die Zahl der Mitglieder wegen finanzieller Schwierigkeiten vorläufig reduziert. Die typische Zahl der Mitglieder blieb über die Jahre hinweg bei 18–22, wobei das einzige Jahr, das unter den Stichprobenjahren hervorsticht, 1725 (24 Mitglieder) ist, in dem das Gymnasium ungewöhnlicherweise fünf Magister hatte. Ansonsten wurden in der Regel fünf (oder sechs) Klassen von drei Magistern unterrichtet.
Die Jesuiten errichteten in Steyr zuerst die Kirche St. Michael (1635–1648). Die Ausgestaltung des Gebäudes dauerte bis 1677. Der Hochaltar aus dem 17. Jahrhundert wurde 1766 durch einen neuen ersetzt (von einem italienischen Meister), und die übrigen Seitenaltäre stammen ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert. Das Fresko, das die Außenfassade (das Giebelfeld) schmückt, wurde um 1770 von Franz Xaver Gürtler (1740–1818) gemalt (Sturz der gefallenen Engel, Mariä Verkündigung, Raphael steht Tobias beim Fischfang bei).
Das Kolleg wurde in mehreren Phasen gebaut. Zunächst wurde der Südflügel (1657–1659) fertiggestellt. Der Bau des Ost- und Nordflügels des rechteckigen Gebäudekomplexes (1666–1667) mit einem an die Kirche angrenzenden Innenhof führte zu einer Verschuldung des Kollegs und zu seiner potentiellen vorübergehenden oder endgültigen Auflösung (1671),1 aber die finanzielle Situation wurde bald konsolidiert. Der „Wohntrakt“ (wahrscheinlich der Nordflügel) wurde erst nach 1683 neugebaut.
Ab 1678 wurde südlich des Kollegs auch ein eigenes Schulgebäude errichtet
Das Konvikt wurde 1651 mit der Stiftung des Sierninger Pfarrers Georg Friedrich Koller gegründet. Er schenkte ein an das Kolleg angrenzendes Gebäude, das er selbst einrichtete. Die Zinsen der 3.000 Gulden umfassenden Stiftung reichten aus, um drei Studenten zu unterstützen. Weitere Schenkungen und Stiftungen (z. B. um 1654 3.000 Gulden von Medicus Joannes Schiffer, 1699 1.000 Gulden von der verwitweten Gräfin Sidonia Elisabetha von Salburg, geb. Scherffenberg) an die Institution unterstützten in der Regel (im 18. Jahrhundert) 14–22 Alumnen. Im Jahr 1692 konnten 17 Alumnen aufgenommen werden, wobei mehrere selbst bezahlende Konviktschüler hinzukamen.
Die Schule war eines der kleineren Gymnasien in der Österreichischen Jesuitenprovinz. Es ist keine höhere (akademische) Ausbildung bekannt. Die fünf Klassen und die wahrscheinlich regelmäßige Parva-Gruppe wurden in der Regel von drei Jesuiten unterrichtet. Die Schulmatrikel ist vermutlich verloren gegangen. Über die Zahl der Schüler liegen nur sporadische Angaben vor. Für das späte 17. Jahrhundert wissen wir von 98 bis 120 Schülern, für das 18. Jahrhundert von 90 bis 187. Die Schule diente vermutlich vor allem dem lokalen Bedarf, mit einem hohen Anteil an bürgerlichen Buben und einem vermuteten Verhältnis von 2:1 zwischen nicht-adeligen (Bürgern) und adeligen Jungen. Die Schuldramen (rund drei bis fünf Aufführungen pro Jahr) und die spektakulären städtischen Prozessionen waren ein beherrschendes Merkmal des lokalen religiösen und kulturellen Lebens des Barocks und erlebten ihren Höhepunkt im letzten Drittel des 17. und im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts.
Kongregationen
„Assumptio Mariae“ lateinische Schülerkongregation. Die Studentenkongregation von der Himmelfahrt Mariä (congr. Beatae Virginis Mariae in Coelos Assumptae) nahm ihre Tätigkeit im Jahr 1635 auf. Im Jahr 1649 hatte sie 52, im Jahr 1665 79 Sodalen. Im 18. Jahrhundert lag die Mitgliederzahl zwischen 66 und 89. Die Mitglieder hielten in der Karwoche Bußprozessionen ab. Regelmäßig traten Sodalen in die Reihen der Diözesanpriester oder in verschiedene religiöse Orden ein.
„Immaculata Conceptio“ (deutschsprachige) Bürgerkongregation. Die Bürgerkongregation von der Unbefleckten Empfängnis (sodalitas civica Beatissimae Virginis sine Labe Conceptae / congregatio Beatae Virginis Mariae Immaculatae Conceptae, congregatio Germanica) wurde am 8. Dezember 1647 mit ca. 50 Mitgliedern gegründet, die Sodalen waren Bürger und Angehörige der Eliten der Stadt. Im Jahr 1649 hatte sie 60 Mitglieder. In diesem Jahr wurde auch der Landeshauptmann Graf Ludwig von Kuefstein aufgenommen. 1650 hatte sie mehr als 200, 1665 schon 400 Mitglieder.
„Agonia Christi“ Sodalität. Die Todesangstsodalität wurde 1658 gegründet, die Mitgliederzahl im Jahr 1665 betrug schon 2.000. Am Festtag ihrer Gründung wurden Szenen für das Volk aufgeführt. Auch die Feste der Sodalität in der Karwoche, hauptsächlich am Karfreitag, sowie ihre Andachten am Kalvarienberg waren beliebt.
„Angeli Tutelaris“ katechetische Kongregation. Die Schutzengelkongregation existierte bereits 1703. Sie war eine katechetische Kongregation, die in der Regel von einem Jesuitenpriester (Katechet, Exhortator, Beichtvater) geleitet wurde.
Mittelalterliche Kirche, 1632 wurde sie den Protestanten entzogen und den Jesuiten übergeben. Sie betreuten sie bis 1773.
Schicksal nach der Aufhebung
Nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu ist das Gymnasium erloschen. Später, zwischen 1788 und 1824, war im ehemaligen Schulgebäude eine Schule für Büchsenmacherei tätig. Danach wurde die Mittelschule als Bundesrealgymnasium neu organisiert.
Die Michaelerkirche diente ab 1785 als Vorstadtpfarrkirche.
(LAND)WIRTSCHAFT UND ERHOLUNGSIMMOBILIEN
Benefactores
Zu den Wohltätern des Hauses (als regelmäßige Spender und Verteiler der sog. Prämien nach den Schultheateraufführungen und öffentlichen Examen) gehörten die Mitglieder der gräflichen Familie Lamberg und der fürstlichen Familie Eggenberg, mehrere örtliche Bürgermeister und einige Bürger sowie die lokalen Pfarrer, der Erzdechant von Lorch und die Prälaten der umliegenden Klöster, der Propst von Spital (am Pyhrn), der Abt von Admont, der Abt von Garsten, der Abt von Seitenstetten, der Abt von Gleink.
QUELLEN
Archivmaterial
Die Hausgeschichte (historia domus) ist nicht bekannt. Aus den litterae annuae hat Josef Fröhler das Kolleg betreffende Regesten zusammengestellt (Regesten Steyr).
Das Inventar der Kirche nach ihrer Auflösung (aus dem August 1774) ist im Stadtarchiv Steyr erhalten.
- Stadtarchiv Steyr, Vorstadtpfarrkirche St. Michael 1773–1795, Kasten VII. Fach 12, Faszikel nr. 350.
Das ehemalige Hausarchiv des Kollegs wurde vermutlich zerstreut. Einige Dokumente, die sich auf der Tätigkeit der Jesuiten und den Prozess der Aufhebung beziehen, befinden sich heute im Oberösterreichischen Landesarchiv. Z. B.
- Mittelbehörden, Herrschaftsarchive, Herrschaftsarchiv Steyr, Schriftgut der Herrschaft Steyr, Akten: Die Herrschaft als Obrigkeit, Kirchenvogtei: Steyr (Kirchen, Klöster etc.); unter anderem Kriechbaumstift 1607; Jesuiten kaufen den Schlüsselhof 1649; Jesuiten kaufen Päschlried 1654, usw., OÖL 06.S06.02.02.09 – V. Vogteien 43
- Mittelbehörden, Kirchliche Archive, Stiftsarchiv Garsten, Akten, XII. Stadt Steyr; Jesuitenkloster: Verkauf des Schlüsselhofes und des Gutes Taschlried an die Jesuiten und Streitigkeiten mit dem Kloster über die Abgaben, OÖL 07.G01.02 – Akten [296.1]
Literatur
Brandl, Manfred: Verzeichnis der Jesuitenpatres in Steyr (1632 bis 1773) In: 500 Jahre Dominikaner und Jesuiten in Steyr, 1478–1978. Festschrift anläßlich der Renovierung der Marienkirche. Hrsg. Manfred Brandl. Steyr, Statio der Jesuiten, 1978. 51–56.
[Dehio Oberösterreich 1958:] Erwin Hainisch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Oberösterreich. Neubearb. von Kurt Woisetschläger. Mit Beitr. von Justus Schmidt, Benno Ulm. 3., neubearb. Aufl. Wien, 1958. (Dehio–Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs). 329–331.
Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. Bd. II./1–2. In der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts. Freiburg im Breisgau, 1913. 332–333.
Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. Bd. III. In der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts. München–Regensburg, 1921. 200.
Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. Bd. IV./1–2. Im XVIII. Jahrhunderts. München–Regensburg, 1928. I. 383.
Fröhler, Josef: Prozessionen der Jesuiten in Steyr im 18. Jahrhundert. Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr 14 (1954), 49–54.
Fröhler, Josef: Zur Geschichte der Schule und Schuldramas der Jesuiten in Steyr (1630–1773). Oberösterreiche Heimatblatter 9 (1955), 131–146.
Fröhler, Josef: Von der klosterschule zum Gymnasium. Das höhere Schulwesen in Steyr von 1500 bis 1773. In: 500 Jahre Dominikaner und Jesuiten in Steyr, 1478–1978. Festschrift anläßlich der Renovierung der Marienkirche. Hrsg. Manfred Brandl. Steyr, Statio der Jesuiten, 1978. 17–24.
Fröhler, Josef: Beiträge zur Geschichte des Kollegiums S. J. in Steyr: 1632–1773. Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr 36 (1985).
Lutz, Volker: Steyr und die Jesuiten (1631 bis 1773). In: 500 Jahre Dominikaner und Jesuiten in Steyr, 1478–1978. Festschrift anläßlich der Renovierung der Marienkirche. Hrsg. Manfred Brandl. Steyr, Statio der Jesuiten, 1978. 11–16.
Ofner, Josef: Kunstchronik der Stadt Steyr (Architektur, Bildhauerei und Malerei) 6. Fortsetzung, Barock und Rokoko. Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr. 30 (1972. April) 45–103., hier 53–60.
Pühringer, Andrea: „Topographie der Gegenreformation” oder „Austrian Urban Renaissance”? In: Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation und Geheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie. Hrsg. von Rudolf Leeb, Susanne Claudine Pils, Thomas Winkelbauer. Wien‒München, 2007. 289‒310., hier 301–303.
Raab-Luftensteiner, Alfred: Gründung und Entfaltung des Jesuitenkollegiums in Steyr. Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr 34 (1978), 33–92.
Regesten Steyr = Regesten betreffend das Collegium S. J. in Steyr nach den Litterae annuae Provinciae austriae Societatis Jesu. Bd. I. 1632–1700. Bd. II. 1701–1771. Bearb. Josef Fröhler. (Handschrift im OÖ Landesarchiv in Linz, Stadtarchiv Steyr und in der ÖNB Wien.)
[Städteatlas Steyr:] Susanne Claudine Pils: Kommentar zur Siedlungsgeschichte. Susanne Claudine Pils und Thomas Bodory: Wachstumsphasenkarte von Steyr. In: Österreichischer Städteatlas. Hrsg. von Felix Czeike, Renate Banik-Schweitzer, Gerhard Meißl, Ferdinand Opll, Andreas Weigl. (Wien 1977–2013)
Trautwein, Viktor: Die Jesuiten am Michaelerplatz in Steyr. Bundesrealgymnasium Steyr 97. Jahresbericht 1979/80. 18–38.

