Gebäude
Noviziat. Annagasse-Trakt
Beschreibung

Das Gebäude des Noviziats bestand aus zwei großen Blöcken, die an der Stelle mehrerer mittelalterlicher Gebäude zwischen Annagasse und Johannesgasse errichtet wurden (heutige Annagasse 3, 3a, 3b und Johannesgasse 4, 4a, 4b). An das westliche Ende der Kirche schloss sich ein kleinerer U-förmiger Block an, dessen drei Flügel einen kleinen rechteckigen Hof umschlossen. Der Flügel zur Annagasse hin war zu Beginn des 18. Jahrhunderts dreistöckig, mit einem Fußgängereingang und einem größeren Tor zum Hof versehen. Im Jahr 1629 wurden hier neun Zimmer für die Noviziatskandidaten errichtet.
An die Nordseite der Kirche schloss sich ein ebenfalls dreiflügeliger Gebäudekomplex an, der im 18. Jahrhundert ebenfalls dreigeschossig war. Der Flügel mit der größten Grundfläche lag zur Johannesgasse hin, wo sich wahrscheinlich der Wohntrakt der Novizen und auch (eines) der Refektorien befand. Dieser Trakt war durch zwei schmälere Flügel mit Nord-Süd-Achse mit der Annakirche und mit dem kleinen dreigeschossigen Gebäudetrakt verbunden, der im Osten an den Altarraum der Kirche angebaut war. Hier, in der Nähe des Turms, befand sich die Bibliothek. Entlang des westlichsten Flügels mit Nord-Süd-Achse (auf der Westseite) verlief ein Korridor, der den Flügel Johannesgasse mit dem westlichen Ende der Kirche (mit der zweigeschossigen Empore) verband. Vermutlich wurde dieser Flügel 1731 um ein Stockwerk aufgestockt und mit einem neuen Dach versehen.
Die Küche des Noviziats hatte anfangs das Problem, dass es keine eigene Wasserleitung gab. Daher ordnete Ferdinand II. auf Intervention von Wilhelm Lamormaini den Bau einer Wasserleitung zum Noviziat an.
Im Jahr 1634 einigte sich das Noviziat mit dem Eigentümer des Kleinmariazeller Hofs, d. h. mit dem Abt und dem Konvent des Benediktinerklosters Mariazell im Wienerwald, darauf, dass sie zwei Fenster in der Wand ihrer neu errichteten Sakristei zur Annakirche hin öffnen durften, die dem Benediktinergarten zugewandt waren, und dass die Benediktiner sie nicht durch spätere Bauten verdecken würden. (Der große Gebäudekomplex des Noviziats war immer wieder Gegenstand von Streitigkeiten mit den Nachbarn wegen der Grenzmauern und der Fenster.)
Größenteils zwischen 1626 und 1627 erwarb das Noviziat die Häuser und Grundstücke, auf denen es in mehreren Etappen den großen Komplex zwischen Johannesgasse und Annagasse errichtete. Diese wurden auch von den Jesuiten selbst in ihren Chroniken festgehalten.

  1. „Domuncula pauperum Peregrinorum“ oder Pilgramhaus (Annagasse 3a–3b), ein 1418 gegründetes Pilgerhaus und Pilgerspital, an das bis 1518 die Annakirche angebaut wurde. Das Spital ging 1531 (und schließlich 1541) in den Besitz der Wiener Klarissen über, deren Konvent bis 1570 ausstarb. Die Einkünfte des ehemaligen Klosters schenkte Maximilian II. dem Wiener Jesuitenkolleg, das 1581 von Rudolf II. die Gebäude und den Grundbesitz als Stiftung erhielt. Diese wurden 1627 vom Noviziat des Wiener Jesuitenkollegs übernommen.
  2. „Domus domini Caesaris Gall“, nach der Chronik der Jesuiten überließ Herr Caesar Gall sein Wiener Haus und das am kaiserlichen Hof deponierte Kapital von 10.000 Gulden der Gründung eines Noviziats, die er mit Lamormaini aushandelte, aber das Geschäft wurde durch seinen plötzlichen Tod verhindert.
  3. „domus Kolonichiana“ oder Kollonitschhaus (Annagasse 3), dieser Name erscheint in den Quellen seit 1587. Es wurde 1618 vom Graner Erzbischof Péter Pázmány für das von ihm gegründete Priesterseminar (Collegium Pazmanianum, siehe Collegium Academicum Viennense, Verbundene/Weitere Einrichtungen Nr. 3.) gekauft, erwies sich aber als ungeeignet für diesen Zweck. Deshalb kaufte der Erzbischof das Gebäude der Bursa Liliorum (heute Postgasse 11) für das Seminar und trat 1627 das Haus in der Annagasse an das Jesuitennoviziat ab. Lamormaini war an der Verhandlung beteiligt, und der Erzbischof wurde von den Jesuiten mit Hilfe von Ferdinand II. entschädigt.
  4. „Domus Entziana sive Löbeliana“ (Johannesgasse 4b), 1563 im Besitz des Wiener Bürgers Johann Entzianer, dessen Erbe es an Pál Pálffy, Präsident der Ungarischen Kammer (1625–1646), verkaufte. Michael Adolf Graf von Althan kaufte das Haus von Pálffy. Von Althan erwarb es Baron Christoph Löbl, von dem es Wilhelm Lamormaini am 23. September 1627 mit Genehmigung Ferdinands II. für das Noviziat kaufte.

Nach 1773 kam der Noviziatskomplex unter staatliche Aufsicht, 1774 übernahm ihn die Niederösterreichische Regierung und seit 1775 beherbergte er auf Anordnung Maria Theresias mehrere Schulen, für die das Innere des Gebäudes umgebaut wurde. Die erste war das ehemalige Professhaus-Gymnasium, das von 1773 bis 1774 vorübergehend im Gebäude des Akademischen Kollegs untergebracht war; im Jahr 1807 zog es in das Wiener Schottenstift um und wurde zu einem Benediktiner-Gymnasium. 
Anfänglich unterrichteten Ex-Jesuiten, einer von ihnen bis 1807. Nach 1775 beherbergte das ehemalige Noviziatsgebäude auch die Orientalische Akademie und eine Normal- und Realschule. Später, zwischen 1786 und 1877, befand sich auch die Akademie der bildenden Künste hier.
Im Jahr 1887 wurde der gesamte Gebäudekomplex abgerissen, nur die Kirche blieb erhalten. (Der Abschluss der Kirche, der in das westlich gelegene Noviziatsgebäude hineinragte, wurde ebenfalls abgerissen.) Seit 1897 dienen die Kirche und die wenigen, hinter dem Altarraum der Annakirche verbliebenen Räume des ehemaligen Noviziats der Kongregation der Oblaten des Hl. Franz von Sales. Seit 1906 befindet sich der Komplex im Besitz dieses Ordens.

48.20458, 16.37153


 

Empfohlene Zitation / Javasolt hivatkozás: Kádár, Zsófia: Domicilia Provinciae Austriae Societatis Jesu. Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz. Online Datenbank, 2023. https://leveltar.jezsuita.hu/domicilia

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