Das jesuitische Noviziat ist ein ziemlich langer Zeitraum von zwei Jahren und bildet die Grundlage für das weitere Ordensleben. Bereits bei der Aufnahme waren die Priesterkandidaten (novitii scholastici) und die Laienbrüderkandidaten (novitii coadiutores) getrennt, aber es wurden gemeinsame Probehäuser (Noviziatshäuser) für sie unterhalten. Die oberste Verantwortung für die geistliche Ausbildung der Novizen, für die Vertiefung der jesuitischen Berufung und für die eventuelle Aussonderung ungeeigneter Kandidaten lag beim Novizenmeister (magister novitiorum), dem ein anderes Mitglied (socius magistri novitiorum) zur Seite stand. Während des ersten Noviziatsjahres mussten die sorgfältig ausgewählten und geprüften Kandidaten sechs sog. Prüfungen bestehen, von denen die wichtigste die einmonatigen ignatianischen Exerzitien (geistliche Übungen) waren. Die Novizen verbrachten ihre Zeit auch mit Gebet, Kontemplation, dem Studium der Konstitutionen und der Geschichte der Gesellschaft Jesu sowie mit physischer (Haus-) Arbeit. Nach dem zweiten Noviziatsjahr legten die Kandidaten ein einfaches ewiges Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab und versprachen, nach Abschluss ihrer Studien in die Gesellschaft einzutreten. Der „einfache“ und „ewige“ Charakter des ersten Gelübdes bedeutet, dass der Einzelne sich zwar endgültig verpflichten will, die Gesellschaft ihn aber entlassen kann, wenn sie ihn für das religiöse Leben für ungeeignet hält. Erst nach den endgültigen Gelübden am Ende einer langen Ausbildung wird man ein vollwertiges und endgültiges Mitglied der Gesellschaft. Auf das Noviziat folgte also eine längere Studienzeit (sog. Scholastikat), in der die Mitglieder (sog. Scholastici) die für die Priesterweihe notwendigen theoretischen und praktischen Kenntnisse erwarben. Nach dem Noviziat wurden die künftigen Laienbrüder an ihren ersten Dienstort verwiesen.
Die Geschichte des Wiener Noviziats ist nur sehr wenig erforscht. Die Institution des Noviziats regelte im Allgemeinen die zweite Generalkongregation (1565), die die Dauer des Noviziats auf zwei Jahre festlegte. Sie schrieb ausdrücklich vor, gezielt für die Ausbildung der Novizen mindestens ein Probehaus pro Provinz zu errichten. In diesen Einrichtungen war in erster Linie ein Novizenmeister für die geistliche Ausbildung der Novizen verantwortlich. Anfänglich lebten die Novizen in den einzelnen Kollegien in Gemeinschaft mit den anderen Ordensmitgliedern und wurden von diesen erst schrittweise getrennt.
In Wien trennte man die Novizen ab 1555 von den anderen Ordensmitgliedern, und ab 1561 lebten sie in einem separaten Teil des Kolleggebäudes und hatten eine eigene Küche. Das Noviziat der österreichischen Provinz wurde jedoch im Jahr 1564 von Wien nach Prag und später von dort nach Brünn verlegt. In den 1580er Jahren stand die Frage der Sprachkenntnisse auf der Tagesordnung, denn die Provinzvisitatoren drängten auf das Erlernen der slawischen (tschechischen) Sprache für deutschsprachige Kandidaten, und dies wurde in die Aufgaben des Noviziats aufgenommen. Ab 1616 gab es sowohl in Leoben als auch in Brünn ein Noviziat, so dass zur Zeit der böhmisch-österreichischen Provinzteilung (1623) jede der beiden neuen Provinzen ein eigenes Noviziat hatte. Im Jahr 1628 wurde auf Initiative von Wilhelm Lamormaini SJ auch in Wien ein Noviziat gegründet, das 1629 21 Scholasticus- und 7 Koadjutor-Novizen zählte. Die Zahl der Novizen stieg, und im Jahr 1633 wurde das Noviziat in Leoben durch einen Repetentenkurs ersetzt, so dass das Wiener Noviziat für einige Jahre das einzige in der Provinz war. Im Jahr 1655 gründete man in Trentschin ein zweites Noviziat, das jedoch zahlenmäßig und von seiner Bedeutung her zweifellos dem St. Anna-Probehaus voraus war.
In Wien hat man die Novizen des zweiten und ersten Jahres getrennt ausgebildet, ebenso wie die künftigen Priester und die künftigen Laienbrüder. Ihre Zahl betrug im Jahr 1655 52 bzw. 23. In den 1670er Jahren wies der Ordensgeneral den österreichischen Provinzial wiederholt darauf hin, dass die Noviziatszeit auch für die künftigen Laienbrüder zwei Jahre betrage und nicht verkürzt werden dürfe. Die zweijährige Noviziatszeit blieb erhalten, und die Zahl der Novizen hielt sich nach den Osmanischen Kriegen stabil und erreichte ihren Höhepunkt in den Jahren 1750–1752, als 67–70 „novitii scholastici“ und 24–27 „novitii coadiutores“ im St. Anna-Probehaus lebten, das mit den „veteranen“ Jesuiten insgesamt 124 Mitglieder zählte.
Die Zahl der Novizen ging erst danach zurück, was sich durch die Entscheidung der jesuitischen Oberen erklären lässt (das gesamte Kollegsnetzwerk der Provinz war mit Ordensleuten „gefüllt“, so dass sie nicht so viele Novizen aufnehmen konnten), aber auch durch die Tatsache, dass die Jesuitenlaufbahn an Attraktivität verlor. Ein wichtiger Rektor des Noviziats war zu dieser Zeit Pater Franz Dolfin, der für die Organisation des Exerzitienhauses auf der Noviziatsherrschaft in Mauer bei Wien verantwortlich war.
Gebäude
Noviziat
Beschreibung
Jesuitenhäuser
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