Zwischen 1561 und 1567 unterhielten die Jesuiten in Tyrnau auch ein Gymnasium, das jedoch seit der zweiten Gründung des Kollegs im Jahr 1616 beinah ununterbrochen tätig war. Ein detailliertes Gesamtbild der Schülerschaft ergibt sich aus den erhaltenen Schulmatrikeln (die in Form einer Datenbank veröffentlicht sind).
Im Matrikelbuch sind einige historische Einträge aus der Zeit vor der Universitätsgründung (1617, 1625–1636) erhalten geblieben, die einen Einblick in den Ablauf eines Schuljahres geben. Anfang November versammelten sich die Schüler zum Läuten der Glocke, einer „Veni Sancte”-Messe und wurden dann in die Klassen eingeteilt. Bei den Prozessionen an den großen Festtagen gab es häufig Theateraufführungen der Schüler (besonders am achten Tag des Fronleichnams). Der Unterricht wurde mehrere Jahren lang durch Kriegsgefahr oder Epidemien unterbrochen. Aus den Berichten geht auch der Kreis der Wohltäter der Jesuitenschule hervor: ungarische Bischöfe, Graner Domherren, zahlreiche ungarische (Hoch-)Adelsfamilien (Draskovich, Erdődy, Esterházy, Forgách, Tersztyánszky, Zrínyi etc.), darunter auch hervorragende Frauengestalten.
Das Leben der Studenten wurde auch durch die sprachliche, ethnische und religiöse Vielfalt des Landes und der Region beeinflusst, die auch durch Reibungen mit dem lokalen Bürgertum geprägt war. Im Stadtarchiv von Tyrnau finden sich Aufzeichnungen über studentisches Fehlverhalten: Studenten gerieten manchmal mit den protestantischen Bürgern, mit der städtischen Wache oder den deutschsprachigen Soldaten aneinander. Außerdem wurden Lebensmittel aus den Bürgerhäusern und den Obstgärten der Vorstädte gestohlen, und 1692 wurden drei Studenten in Begleitung „verdächtiger” Frauen erwischt. Die Stadt und die Akademie hatten sich jahrzehntelang über die Frage der städtischen Gerichtsbarkeit über die örtliche Studentenschaft gestritten.
Die Verfehlungen offenbaren auch einen wenig bekannten Aspekt des katholischen Studentenlebens: das Problem der Ernährung und der Unterkunft. Nach der staatlichen Schülerkonskription von 1739 waren nur 7% der Tyrnauer Gymnasiasten Bewohner eines Konvikts, 61% brachten Lebensmittel von zu Hause mit, 13% erhielten Lebensmittel für ihre Dienste oder Spenden und 19% waren unsicher, d. h. sie sammelten Lebensmittel teilweise oder ganz durch Bettel. Wahrscheinlich ist es die letztgenannte Gruppe, die für die oben erwähnten Missstände verantwortlich ist.
Die Analyse der Schülerpopulation stützte sich auf die Immatrikulationsdaten. Die Schulmatrikeln sind aus den Schuljahren 1616–1617 und 1625–1772 erhalten und verzeichnen insgesamt 28.650 Schüler mit insgesamt 71.098 Immatrikulierungen. Aber außer dem Namen und dem Jahrgang des Schülers sind die anderen Datenreihen (Alter, sozialer Status, Konfession, Nation, Herkunftsort) im Fall von Tyrnau sehr unvollständig. Die Einschreibungsdaten des Gymnasiums zeigen eine durchweg große Schule mit durchschnittlich 570–580 Schülern. Die Klassenstruktur zeigt die Beliebtheit der Parva Klassen und die funktionale Trennung zwischen den unteren und höheren Gymnasialklassen. Nach den drei Klassen der Grammatik (principia, grammatica, syntaxis) ging die Zahl der Schüler allmählich zurück, und die humanistische Klassen (poetica, rhetorica) wurden fast ausschließlich von denjenigen besucht, die sich auf ein Universitätsstudium vorbereiteten. In einigen Stichprobenjahren lag der Anteil derjenigen, die ein Studium an der örtlichen philosophischen Fakultät aufnahmen, bei 60% derjenigen, die ein Studium am Gymnasium aufnahmen. Im Durchschnitt besuchten die Schüler das Gymnasium im Alter von 10–19 Jahren.
Die gesellschaftliche Zugehörigkeit der Schüler konnte nur in einigen Stichprobenjahren (1632–1633, 1697, 1733–1737) untersucht werden. Aus den Daten geht hervor, dass die Zahl der adeligen Jungen in Tyrnau etwas höher war als in Raab (Győr) und Pressburg (Bratislava, Pozsony): Zunächst könnte der Anteil der bürgerlichen und der gemeinen (nichtadeligen) Jungen zusammengenommen gleich hoch gewesen sein wie der des Adels, später könnte sich das Gleichgewicht zugunsten des Adels verschoben haben (die Frage kann aufgrund des Datenverlusts nicht entschieden werden). Eine Betrachtung der Schülerschaft von 1697 nach Klassen zeigt, dass der Adel einen zunehmenden Anteil an den höheren Klassen ausmacht.
Die konfessionelle Zugehörigkeit der Studentenschaft wurden in den Jahren 1635–1643 fast vollständig in den Matrikeln registriert, spätere Daten sind kaum bekannt. Schon in der Anfangszeit gab es nur wenige nichtkatholische Schüler (Evangelische 9,6%, Reformierte 4,5%, ein Unitarier), von denen nur etwa 15–17% während ihrer Schulzeit zum Katholizismus übertraten.
Nach der nationalen (sprachlichen-ethnischen) Zugehörigkeit der Schüler stammte die Mehrheit aus dem Königreich Ungarn, vor allem aus den Komitaten von Niederungarn. Der hohe Anteil an Ungari und Slavi, d. h. der ausgewogene Anteil an ungarisch und slowakisch sprechenden Schülern, war wahrscheinlich in der gesamten Schule vorherrschend. Die als Kroaten eingeschriebenen Schüler stammten größtenteils aus westungarischen Dörfern, während die Mehrheit der Germani (deutschsprachenden) Schüler aus Ungarn stammte, viele von ihnen aus dem Komitat Pressburg. Zu den anderen Nationen gehören Polen und Italiener (einige genauso in Ungarn geboren).
Der Herkunfsort (patria) der Schüler wurde in drei Zeitschnitten analysiert (1616–1699, 1697–1721, 1732–1762). Der größte Teil der Schüler kam aus den westlichen, nordwestlichen und nordöstlichen Gebieten des historischen Komitats Neutra und eine kleinere Anzahl aus den Komitaten Turz, Arwa, Barsch, Hont und Sohl. Das Einzugsgebiet der Schule im Südwesten und Süden wurde von den Jesuitengymnasien in Pressburg und Raab ’überschattet’, so dass weder die niederösterreichischen Gebiete noch die Siedlungen der westlichen und nordwestlichen transdanubischen Komitate in der Matrikel häufig vertreten sind. Unter den weiter entfernten Siedlungen stellen die Städte, in denen eine Jesuitenschule tätig war – Agram (Zagreb), Gyöngyös, Kaschau (Košice, Kassa), Klausenburg (Cluj, Kolozsvár), Raab (Győr) und Wien – einen bedeutenden Anteil dar. Im Laufe der Zeit wurde der Anziehungsbereich enger und konzentrierte sich mehr auf das Gebiet um Tyrnau – ein ähnlicher Prozess wurde bei den Gymnasien in Raab und Pressburg ebenfalls beobachtet.
Gebäude
Gymnasium
Beschreibung
Jesuitenhäuser
Empfohlene Zitation / Javasolt hivatkozás: Kádár, Zsófia: Domicilia Provinciae Austriae Societatis Jesu. Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz. Online Datenbank, 2023. https://leveltar.jezsuita.hu/domicilia
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