Für den Bau des Jesuitenkollgs zog Fürstbischof Leopold ein erfahrener Jesuit seiner Diözese Straßburg hinzu, das zuvor den Wiederaufbau des Jesuitenkollegs in Molsheim geleitet hatte, Johann Isfording SJ. Isfording war praefectus fabricae, procurator und fabricae architectus (ab 1613, unter verschiedenen Titeln), außerdem leitete er die Niederlassung und die Bauarbeiten als vicesuperior (1614–1615), superior (1616–1617) und rector (1618–1631).
Mit Zustimmung von Fürstbischof Leopold wurde der Bauplatz im Bereich von etwa 20 mittelalterlichen Häusern am Innufer und dem sogenannten Schäzlgarten, westlich des Klosters Niedernburg, festgelegt: Ein ganzes mittelalterliches Häuserviertel mit einer Straße („zum Stadl“) und zwei Gässchen (zum Inn) fiel dem Bau zum Opfer. Die Häuser kauften die Jesuiten, und mit der Äbtissin der Abtei Niedernburg (für die vom Kloster verlorenen Rechte) fanden gezielte Verhandlungen statt. Der Prozess verlief langsam. Am 29. Oktober 1612 legte der Fürstbischof inmitten der Ruinen den Grundstein für das Kolleg. Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1613. In der (zweiten) Stiftungsurkunde von 1615 wurde das Gebiet des Bauplatzes erneut festgelegt, wobei der Erwerb weiterer Grundstücke bzw. Häuser für die Jesuiten innerhalb der Stadt von der Genehmigung des Fürstbischofs und des Domkapitels abhängig gemacht wurde. Isfordings Plan sah den Bau eines Kollegs, einer Schule und einer Kirche vor, woraus schließlich das Kolleg in der ursprünglich geplanten Form entstand.
Der dreiflügelige, U-förmige Gebäudekomplex hatte ursprünglich eine Renaissance-Fassade zum Inn hin. Die sechs Rundnischen der ursprünglichen Fassade sind noch in Höhe des ersten Stocks erhalten. In den Jahren 1614–1615 wurde der West- und dann der Südflügel (mit Erkerturm) angebaut, 1616 kam der Ostflügel hinzu, und im Untergeschoss des Westflügels entstand (wegen der Enge der mittelalterlichen Michaelerkirche) ein neuer Kirchensaal (Oratorium). Der Turm an der Nordseite des Westflügels diente wahrscheinlich als Glockenturm. Das Oratorium wurde am 9. Juni 1616 in Gebrauch genommen. 1618 war der Bau des Kollegs abgeschlossen und die Jesuiten zogen in das neue Gebäude ein, die Gemeinde bestand zu diesem Zeitpunkt aus 15 Mitgliedern. Im Erdgeschoss am westlichen Ende des Südflügels befand sich das Refektorium, daneben das Lavatorium und die Küche. Vor der Küche entstand in der Mitte der Südfassade ein Erkerturm, von dessen Untergeschoss ursprünglich eine Treppe zum Tor am Inn hinunterführte. In der nördlichen Hälfte des Ostflügels, vermutlich im ersten und zweiten Obergeschoss, wurde ein zweigeschossiges Oratorium errichtet.
Beim Stadtbrand von 1662 erlitt das Kolleg schwere Schäden, obwohl die Struktur des Gebäudes und die Mauern stehen blieben. Ein Teil der Jesuiten flüchtete nach dem Brand aufs Land, aber etwa zehn von ihnen fanden Unterkunft im jesuitischen Gartenhaus auf der anderen Seite des Inns und organisierten von dort aus den Wiederaufbau des Kollegs. Am 30. August 1664 zogen die Ordensmitglieder wieder in das Kolleg ein. Beim Wiederaufbau wurde die ursprüngliche Form des Gebäudes wesentlich verändert, wobei der damalige Rektor Heinrich Herdingh SJ eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Die Neugestaltung des Kollegs könnte mit einem Mitglied der Familie Carlone zusammenhängen, die (wahrscheinlich) die Jesuitenkirche entworfen und gebaut hat. Die dem Inn zugewandte Fassade wurde mit Dachstirnmauer erhöht, so dass der Erkerturm einbezogen wurde. Weder der Figurenschmuck an der Südfassade noch das Glockentürmchen am Nordende des Westflügels blieben erhalten. Allerdings errichtete man am Nordende des Ostflügels einen Uhrturm (Observatorium). Die Jahreszahl 1664 und ein Monogramm von Maria, Josef und Jesus (IHS) könnten in dieser Bauphase über dem westlichen Eingangstor zur Michaeligasse angebracht worden sein. Das Refektorium ist erhalten geblieben. Seine Stuckdekoration ist wesentlich später, sie stammt aus der Zeit um 1760. Der Ost- und der Südflügel des Südtrakts waren größtenteils Wohnräume, wobei das erste und zweite Obergeschoss ebenfalls größtenteils von Wohnzellen (mit zwei Fenstern) belegt waren. In der nördlichen Hälfte des Ostflügels errichtete man im Erdgeschoss das Oratorium (also die Kongregationskapelle), darüber ein Bibliothekssaal, denen Stuckdekoration aus ca. 1740 stammt. Das Stiegenhaus im Westflügel (untere Hälfte) wurde um 1715 verziert (Stuckierung, stuckierte und gemalte Landschaften).
Gebäude
Kolleg
Beschreibung
Jesuitenhäuser
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