Gebäude
(Adeliges) Konvikt der Hl. Barbara. (Convictus S. Barbarae)
Beschreibung

Seit 1558 lebten im Wiener Jesuitenkolleg auch externe (nicht jesuitische) Schüler, was auf die Anfänge eines Konviktes oder Seminars hinweist. Im Jahr 1560 gründete Ferdinand I. als Ersatz für die 1554 geschlossene protestantische Landschaftsschule eine katholische Schule („Kaiserliche Landschaftsschule“) in Wien, die auch als (adeliges) Konvikt diente, und übertrug die Betreuung dem Jesuitenkolleg. (Die Landschaftsschule befand sich in der Nähe des Jesuitenkollegs, vielleicht an der Stelle des späteren Palais Obizzi.) 1565 entzog Maximilian II. den Jesuiten die Landschaftsschule, die ihre Konviktschüler vorübergehend anderswo unterbrachten (z.B. in Privathäusern, vgl. den Fall Stanislaus Kostka). Im Jahr 1569 errichteten die Jesuiten ein neues Konviktgebäude, das 1574 vergrößert wurde. Dieses Konvikt und eine St. Barbara-Kapelle befanden sich wahrscheinlich im südöstlichen Teil des Jesuitenkomplexes (an der Ecke der heutigen Bognergasse und Seitzergasse).
Im Jahr 1574 betrug die Zahl der Konviktschüler 150. Nach dem Stadtbrand von 1607 waren die ansässigen Schüler gezwungen, umzuziehen, und lebten wahrscheinlich vor 1611 einige Jahren lang in dem Haus an der Südseite des Platzes Am Hof, welches nach 1630 zum Sitz der Nuntiatur wurde („domus Pancratiana“, siehe auch: Domus professa Viennensis).
Das Konvikt war ursprünglich eine allgemeine Einrichtung für adelige, bürgerliche und arme Studenten, Gymnasiasten und Akademiker, Laien und Kleriker. Es beherbergte auch die Alumnen, die von päpstlichen Stiftungen unterhalten wurden. Auf Initiative des Wiener päpstlichen Nuntius Giovanni Delfino wurde 1573/74 eine Stiftung gegründet, die zunächst 1.200, dann 1.840 Gulden pro Jahr für den Unterhalt von 24–30 jungen Klerikern zur Verfügung stellte (1574, 1580).
Die päpstlichen Alumnen waren typischerweise kleinadeligen oder nichtadeligen Ursprungs. Die Buben waren meist deutschsprachig und stammten aus den österreichischen Erbländen. Die Alumnen wurden als zukünftige Pfarrer der Diözesen Wien und Passau angesehen. Einige Alumnen kamen aus Ungarn oder Mähren.
Im Jahr 1623 gab Ferdinand II. die Landschaftsschule, die damals beim Dominikanerkloster untergebracht war, an die Jesuiten zurück. Als das Jesuitenkolleg in das Stubenviertel übersiedelte, zogen auch die Konviktschüler hierher, neben das Dominikanerkloster. 1648 übergab das Jesuitenkolleg den Dominikanern dieses Schulgebäude im Tausch gegen ein kleines Haus in der Nähe der Rosenburse und gegen 5.000 Gulden Abschlagszahlung. So konnten die Jesuiten bis 1652 an der Stelle der mittelalterlichen Rosenburse und des angrenzenden Hauses das Konvikt der Hl. Barbara und 1654 die Konviktkapelle errichten. Das Konvikt wurde wahrscheinlich nach der ursprünglichen Kapelle benannt, die es noch am Platz Am Hof, neben jener des Jesuitenkollegs, nutzte.
Im Jahr 1656 starb Johann Mathias Prücklmayer (Prickhelmayer) Freiherr von Goldegg, Österreichischer Hofkanzler und Rektor der St. Barbara-Sodalität, ein Wohltäter des Konviktes, dem die Institution viel zu verdanken hatte. Er vermachte der St. Barbara-Kapelle einen silbernen Kelch und bei seinem Tod das Vermögen seiner Hauskapelle im Wert von 1.000 Gulden. Auch das Gut Atzgersdorf im Wert von rund 6.000 Gulden vermachte er dem Konvikt.
Vermutlich erst nach 1652 wurden die Unterkunft der meist adeligen, weltlichen Konviktschüler und die Beherbergung der von päpstlichen oder anderen Stiftungen finanzierten Alumnen getrennt. Wahrscheinlich waren die Seminaristen in den zwei mit dem neuen Schulgebäude baulich verbundenen Häusern in der Wollzeile untergebracht. Nach den päpstlichen Konstitutionen für die Alumnen (9. Nov. 1626) wurden junge Männer legitimer Herkunft im Alter zwischen 14 und 20 Jahren aufgenommen, die nach ihrer Priesterweihe zwei Jahre lang in der Diözese Wien als Seelsorger dienen mussten.
Das Konvikt der Hl. Barbara war in erster Linie ein adeliges Konvikt, in dem sowohl Gymnasiasten als auch Akademiker lebten, teils als Stiftlinge, teils als selbstfinanzierte Schüler. Der Regent des Konvikts war immer ein Jesuitenpater, der als Präses auch der St. Barbara-Kongregation vorstand. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts traten bereits jesuitische Theologiestudenten als „praefectus alumnorum“ neben dem Regenten auf. Im 18. Jahrhundert waren in der Regel fünf Jesuiten an der Leitung des Konviktes und der Aufsicht über die Studenten beteiligt. Der Regent war weiterhin der Präses der St. Barbara-Sodalität, während im Konvikt ein eigener Beichtvater tätig war. Jedes Jahr beaufsichtigten drei jesuitische Scholastiker als Präfekten die Konviktschüler: einer für die Theologiestudenten, einer für die Philosophiestudenten und einer für die Gymnasiasten. Dies zeigt auch, dass das Internat weiterhin ein gemischtes Profil aufwies: Neben den Theologie- und Philosophiestudenten wurden auch Gymnasiasten aufgenommen. Die Zahl der Konviktschüler betrug im Jahr 1665 62. Die Geschichte des Konviktes müsste weiterhin Gegenstand der Forschung bleiben.


 

Empfohlene Zitation / Javasolt hivatkozás: Kádár, Zsófia: Domicilia Provinciae Austriae Societatis Jesu. Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz. Online Datenbank, 2023. https://leveltar.jezsuita.hu/domicilia

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