Von allen Konvikten und Seminaren, die neben dem Wiener Akademischen Kolleg bestanden, war nur das Pazmaneum Gegenstand einer modernen historischen Analyse. Diese Tatsache ist wahrscheinlich auf seine herausragende Rolle bei der ungarischen Priesterausbildung zurückzuführen. Der Jesuit Péter Pázmány, Erzbischof von Gran, erließ 1619 die erste Gründungsurkunde des Instituts, aber Kriege und andere Schwierigkeiten verzögerten seine tatsächliche Errichtung bis 1623. Zunächst übertrug der Erzbischof dem Graner Domkapitel das Institut, doch in einer neuen Gründungsurkunde betraute er die Gesellschaft Jesu mit der Aufsicht. Gemäß dem Stiftungsbrief vom 20. September 1623 hinterlegte Pázmány 100.000 Gulden bei den niederösterreichischen Ständen, deren Zinsen für den Unterhalt des Seminars bestimmt waren. Außerdem schenkte der Erzbischof dem Pazmaneum die Zinsen aus seinen 15.418 Gulden 68 Pfennig, welche Summe ein Darlehen bei dem Palatin Miklós Esterházy war. Die Seminaristen konnten vom Graner Erzbischof und teilweise vom Graner Domkapitel nach Wien geschickt werden und mussten aus dem Königreich Ungarn stammende Jugendliche zwischen 15 und 26 Jahren sein, die aus einer rechtmäßigen Ehe stammten. Diejenigen aus Siebenbürgen und dem osmanischen Eroberungsgebiet, die die Bedingungen nicht erfüllten, wurden ebenfalls zugelassen. Nach ihrer Ordination waren die Kleriker verpflichtet, mindestens drei Jahre lang in der Graner Erzdiözese zu dienen. Der Stifter zog eine kürzere theologische Ausbildung von zwei Jahren vor (sog. Kasuistik), damit die Geistlichen so schnell als möglich in die Pfarreien entsandt werden konnten. 1636 vermachte Pázmány dem Priesterseminar zusätzlich 45.000 Gulden.
Das Pazmaneum wurde im September 1624 eröffnet, zunächst mit 13 Studenten. In der Anfangszeit spielte der Regent Johann Hmira eine Schlüsselrolle. Viele der Regenten wurden später entweder Rektoren von Jesuitenkollegien, Universitätsprofessoren oder ungarische Beichtväter in Rom. Die Arbeit der Regenten wurde zunächst von einem, später von zwei jesuitischen Studienpräfekten unterstützt, von denen einer die Philosophie- und der andere die Theologiestudenten betreute. Im Jahr 1761 entzog der Graner Erzbischof Ferenc Barkóczy den Jesuiten das Pazmaneum und wies die Seminaristen dem Tyrnauer Seminarium Generale zu. Nach dem Tod Barkóczys im Jahr 1766 hatte das Graner Domkapitel auf Initiative von Maria Theresia die schwierige Aufgabe, das Seminar in Wien neu zu organisieren. 1783 verstaatlichte Joseph II. jedoch das Gebäude und der Graner Erzbischof József Batthyány versetzte die Studenten in das Pressburger Priesterseminar.
Die Zusammensetzung der Studentenschaft des Pazmaneums analysierte István Fazekas aufgrund der erhaltenen Eidbücher und Matrikeln. Das Institut hatte etwa 40–50 Studenten pro Jahr, und bis 1723 hatte es insgesamt etwa 1.700 Studenten. Der Anteil der ungarischen und slowakischen Muttersprachler war ähnlich hoch (jeweils ca. 40%), die drittgrößte Sprachgruppe war Kroatisch (10%), der Anteil der Deutschsprachigen und anderer Sprachen war deutlich geringer. Die Seminaristen kamen in der Regel aus der Graner Erzdiözese. Im 18. Jahrhundert waren sie bereits größtenteils adeliger Herkunft (50–60%). Die meisten verbrachten 2–4, eine Minderheit 5–6 Jahre im Institut. Ein Indiz für die Bedeutung des Seminars im 17. und 18. Jahrhundert ist, dass etwa die Hälfte der in den Pfarreien der Graner Erzdiözese tätigen Pfarrer am Pazmaneum studiert hatte.
Ein Partnerinstitut des Pazmaneums zwischen 1641 und 1687 war das Wiener Seminar der Diözese Erlau (Eger), gegründet vom Erlauer Bischof György Lippay, geleitet ebenfalls von den Regenten des Pazmaneums. Das Seminar hatte jährlich 15–16 Studenten, die einen eigenen Jesuitenpräfekten hatten. Das Seminar wurde auf Bestreben der Erlauer Bischöfe Benedek Kisdy und György Fenesy aufgelöst, und die Seminaristen wurden nach Kaschau verlegt, neben das dortige Jesuitenkolleg und die Universität.
Gebäude
Collegium Pazmanianum („Seminarium clericorum Pazmanianum”, Priesterseminar der Erzdiözese Gran)
Beschreibung
Jesuitenhäuser
Empfohlene Zitation / Javasolt hivatkozás: Kádár, Zsófia: Domicilia Provinciae Austriae Societatis Jesu. Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz. Online Datenbank, 2023. https://leveltar.jezsuita.hu/domicilia
Förderung / Pályázati támogatás: FWF Österreichischer Wissenschaftfonds. Lise Meitner-Projekt M-3041.
Alle Rechte vorbehalten! / Minden jog fenntartva! © Kádár, Zsófia

