GRUNDDATEN
Wiener Neustadt
Österreich unter der Enns
| ab | bis | Institutionstyp | |
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| 1666 | 1674 | residentia | |
| 1674 | 1773 | collegium |
| ab | bis | Institutions | ||
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| 1666 | 1674 | collegium | Collegium Academicum Viennense |
| ab | bis | Institutions | ||
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| 1746 | 1773 | residentia | Residentia Sancti Leopoldi Neostadiensis |
GESCHICHTE UND TÄTIGKEIT
Geschichte
Vorgeschichte. In der Regierungszeit von Lambertus Gruterus als Wiener Neustädter Bischof (1572–1586) war schon eine Jesuitenmission in der Stadt tätig: Pater Stephanus Rimelius SJ hielt sich zwischen 1569 und 1571 bei Erzherzog Karl II. von Innerösterreich auf, mit dem er bereits 1571 in der Steiermark gewesen war.
Um 1629 hielten sich zwei oder drei Mitglieder des Ordens als jesuitische Lehrmeister des späteren Gründers, Erzherzog Leopold Wilhelms von Österreich, in Wiener Neustadt auf. Der Erzherzog, der bereits eine bedeutende kirchliche und militärische Laufbahn hinter sich hatte, wollte später die Gesellschaft Jesu in seiner „patria“ in Wiener Neustadt ansiedeln. Zuvor hatte die Gesellschaft keine Versuche unternommen, sich dauerhaft in dem Bischofssitz festzusetzen, da die Stadt bereits zahlreiche Ordensgemeinschaften beherbergte. Das Wiener Neustädter Kolleg war daher eine der letzten Neugründungen der österreichischen Jesuitenprovinz außerhalb Ungarn.
1661 stiftete Erzherzog Leopold Wilhelm in seinem Testament 50.000 Gulden für die Gründung des neuen Kollegs und schenkte der neuen Niederlassung seine Bibliothek. Im Jahr 1666 übertrug Kaiser Leopold I. (der Neffe des Stifters) als Exekutor des Testaments die Stiftung an der Gesellschaft Jesu und unterstützte selbst die Gründung maßgeblich. Das neue Domizil diente bis 1674 als Residenz und wurde dann zum Kolleg erhoben.
Dem Testament Leopold Wilhelms zufolge beantragte zunächst 1665 der Provinzial Michael Sicuten die Bestätigung der Stiftung, die Neugründung wurde vom Stadtmagistrat genehmigt und am 17. Februar 1666 vom Monarchen bestätigt. Zunächst war geplant, die Sankt Georgskirche (in der Burg) und das benachbarte Zeughaus zu übertragen, doch hätte dies nicht genügend Platz für die Schule geboten. Deshalb wurden für den Jesuiten fünf Gebäude (alte Freihäuser) zwischen der heutigen Keßlergasse und der Neunkirchner Straße gekauft, und auch das Haus des Grafen Hans Balthasar Hoyos von Gutenstein und Hohenberg wurde für die Zwecke der Schule erworben. Die Stadt verhinderte jedoch den Kauf des Hauses „zum goldenen Hirsch“. So konnten die Jesuiten geeignete Gebäude und Grundstücke in der gehobenen Wohngegend der Stadt erwerben, wo Kirche und Kolleg gebaut und die Schule umgebaut werden konnten.
Stiftung
Zu der testamentarisch festgehaltenen 50.000-Gulden-Stiftung Erzherzog Leopold Wilhelms von Österreich kamen im Laufe der Zeit mehrere kleinere und größere Stiftungen hinzu.
Mitgliedschaft
Die Niederlassung hatte in der Regel 12–15 Mitglieder, war also eines der bescheideneren Kollegs. Der Lehrkörper bestand immer aus drei Mitgliedern. Erst nach der Gründung der Residenz zum Hl. Leopold (1746) stieg die Zahl der Priester und Laienbrüder auf mehr als 5 bis 7 an. Einschließlich der Mitglieder der Residenz erreichte die Zahl des Hauses nicht mehr als 20 Kleriker.
Von Anfang an hatten die Jesuiten die Gelegenheit, in der Domkirche zu predigen und in der Stadt und den umliegenden Dörfern regelmäßig Katechismusunterricht zu halten. Es ist auch bekannt, dass sie ignatianische Exerzitien für Studenten und Externe gegeben haben.
Die Jesuiten müssen vor dem Bau ihrer Kirche eine Art Hauskapelle benutzt haben, da in den jesuitischen Personenkatalogen bereits die Ämter des Kirchenpredigers und des Beichtvaters (getrennt von den in der Kathedrale dienenden Jesuitenpriestern) zur Zeit der Residenz aufgeführt sind. Aus den Katalogen geht auch hervor, dass die Jesuitenkirche zwischen 1687 und 1689 erbaut wurde, da unter den Laienbrüdern (Koadjutoren) in diesen Jahren Raphael Renner als Bauaufseher genannt wird („habet curam fabricae“).
Das Gebäude stand an der Südseite des Kollegs, zur Neunkirchnerstraße hin, und hatte vermutlich einen einzelnen kleinen Dachreiter über dem Chorraum. Es war eine Wandpfeilerkirche mit sechs Seitenkapellen. Einige Stuckaturen aus der Jesuitenzeit sind noch erhalten.
Die Kirche wurde 1783 entweiht und ihr Gebäude wurde später von der Seiden-, Samt- und Floretbandfabrik genutzt. Nachdem die Wiener Sparkasse den Gebäudekomplex 1892 gekauft hatte, baute man den bereits neugebauten Kirchenraum zum Festsaal um. Die letzte Generalsanierung fand zwischen 2012 und 2014 statt, Reinigungsarbeiten erfolgten im Jahr 2020.
Den Westflügel des Kollegs (zur Neunkirchnerstraße hin) errichtete man um 1690 an der Stelle der übernommenen städtischen Häuser und Grundstücke unter Verwendung eines Teils der Gebäude (oder ihrer Steine). Die Kirche wurde nach Süden hin gebaut, mit dem Chorraum nach Osten und der Hauptfassade zur Neunkirchnerstraße hin. Den nördlichen dreigeschossigen Kollegflügel mit dem Refektorium ließen die Jesuiten um 1703 erbauen. Später kam ein vierter, zur Kirche hin gelegener Verbindungstrakt hinzu, sodass Kolleg und Kirche einen rechteckigen Arkadenhof umschlossen. An der Westseite des Komplexes entstand ein Garten.
Einige Schriftstücke des zentralen (römischen) Jesuitenarchivs verweisen auf die langwierigen Bauarbeiten des 18. Jahrhunderts. Laut einem Abschnitt aus dem Finanzbericht des Kollegs von 1711 waren die Schulden in Höhe von 5.300 Gulden wegen der Bautätigkeiten entstanden, und die Rückzahlung war wegen der Arbeiten schwierig. Im Jahr 1740 betrugen die Schulden für die Bauarbeiten noch 4.800 Gulden, und auch damals war man bei der Rückzahlung hauptsächlich auf den guten Willen der Benefactoren angewiesen.
Nach 1773 gingen das Jesuitenkolleg und die Kirche in den Besitz der Pauliner über. Im Jahr 1783 erfolgte die Profanierung der Kirche. Der vierte (östliche) Flügel des ehemaligen Kollegs wurde um 1785 abgerissen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich auf dem Gelände des Kollegs und der Kirche eine Textilmanufaktur, und in dieser Zeit gab es weitere größere Umbauten. Die Wiener Neustädter Sparkasse mietete bereits 1863 einige Räumlichkeiten des ehemaligen Kollegs und kaufte 1892 das gesamte Gebäude.
Zu Bildungszwecken nutzten die Jesuiten eines der 1666 übernommenen Freihäuser (heute Neunkirchnerstraße 19, sogenanntes Sgraffitohaus). Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Haus gehörte vor den Jesuiten der Familie Windisch-Graetz. Das U-förmige Gebäude umschloss einen Innenhof. An der Hauptfassade in der Neunkirchnerstraße schufen die Jesuiten eine barocke Fassadengestaltung. Ein Gebäudeteil wurde 1912 abgerissen.
Die Schule eröffnete im November 1666 mit vier Klassen, ab 1667 kamen die Poetik und ab 1668 die Rhetorik hinzu. (Das Jesuitengymnasium stürzte die bereits angeschlagene städtische Lateinschule in eine Krise, dennoch wurde diese nicht aufgehoben.) Die als Einleitung fungierende parvistische Klasse war auch organisiert. Die Anzahl der Lehrer betrug immer drei, mit einem Magister für je zwei Klassen. Die Schülerzahl schwankte zwischen 61 und 200, bei einem Durchschnitt von etwa 130. Die Schule deckte hauptsächlich den lokalen und in geringerem Maße den regionalen Bedarf ab, wobei die Schüler aus Niederösterreich, der Steiermark und Westungarn kamen. In der Regel gab es ein oder zwei (selten drei) Theateraufführungen pro Jahr, manchmal im kaiserlichen Theater (in der Burg).
Als Wien 1683 von den Osmanen belagert wurde, flohen viele der Wiener Jesuitenschüler vorübergehend nach Wiener Neustadt. Während des Rákóczi-Aufstandes wurde der Unterricht in den Jahren 1703–1704 wegen der Einquartierungen unterbrochen. Im Jahr 1717 sorgten eine Pestepidemie und 1768 ein starkes Erdbeben für eine außergewöhnliche Unterrichtspause.
Nach 1773 wurde das Gymnasium aufgelöst, und erst 1910 wurde in der Stadt wieder ein Gymnasium eröffnet.
1751 wurde durch die 1.000-Gulden-Stiftung von Anton von Pergen eine Armenkinderschule gegründet, die der Aufsicht des Jesuitenrektors unterstellt war, aber von einem eigenen Schulmeister geleitet wurde.
Kongregationen
„Purificatio Mariae” (Immaculata Conceptio) lateinische Schülerkongregation. Die Schülerkongregation der Unbefleckten Empfängnis war seit 1667 für Gymnasiasten organisiert und hatte 1669 und auch 1759 etwa 70 Mitglieder.
„Agonia Christi“ Sodalität. Die Todesangst-Sodalität war gleichfalls ab 1667 tätig. Ihre jesuitischen Leiter waren die Superioren, Spirituale („praefectus spiritus“) und Beichtväter der Residenz.
„Annuntiatio Mariae“ deutsche Bürgerkongregation. Die Sodalität war ab 1715 tätig, und bereits im Gründungsjahr wurde ein (zu ihrem Titel passender) Altar errichtet. Gleichzeitig wurde ein Kongregationsbüchlein herausgegeben (Regeln, Ablässe, geistlicher Nutzen), eine Fahne (labarum) und Kirchenbänke wurden angefertigt und liturgische Instrumente bereitgestellt. Die Sodalen begannen, ein vergoldetes, in rote Seide gebundenes Album zu führen, und nach der Gründung traten etwa 100 Mitglieder (ledige und verheiratete lokale Bürger) bei. Der Leiter war in der Regel ein Jesuitenprediger (concionator).
Der Grund für die relativ späte Kongregationsgründung könnte darin liegen, dass es in der Stadt bereits viele religiöse Bruderschaften gab (aufgrund der großen Anzahl von Ordensgemeinschaften). Die jesuitische Bürgersodalität wird auch in bürgerlichen Testamenten erwähnt. In den 1750er Jahren hatte sie 200 Mitglieder.
Schicksal nach der Aufhebung
Nach der Aufhebung der Gesellschaft bewarben sich die lokale Pauliner erfolgreich um die ehemaligen Jesuitengebäude (Kolleg und Kirche). Die Übernahme erfolgte gemäß dem königlichen Dekret vom 10. Februar 1776 im August desselben Jahres. Die ehemalige Jesuitenbibliothek wurde nach Wien verlegt.
Nach der Aufhebung des Paulinerklosters im Jahr 1783 profanierte man die ehemalige Jesuitenkirche. Im Jahr 1787 wurde die Jesuitengruft geleert und liquidiert. Die Gebäude dienten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Textilfabrik, später kaufte die Wiener Neustädter Sparkasse den Baukomplex. Die ehemalige Jesuitenkirche wurde in einen Festsaal umgebaut und dient bis heute als Veranstaltungssaal.
(LAND)WIRTSCHAFT UND ERHOLUNGSIMMOBILIEN
Benefactores
Von Anfang an wurde die Niederlassung von mehreren lokalen Amtsträgern unterstützt: dem lokalen Bischof Laurenz Aidinger, Bürgermeister Paul Pleyer und Stadtrichter Matthias Egerle.
QUELLEN
Archivmaterial
Das Archiv des Kollegs wurde weitgehend zerstört. Die Hausgeschichte (historia domus) und die Schulmatrikel sind nicht bekannt, einige Bestände der ehemaligen Bibliothek und des Hausarchivs sind in die Österreichische Nationalbibliothek übergegangen, z. B. Catalogus bibliothecae collegii Societatis Iesu Neostadiensis. Cod. 11895.
Neben den zentralen jesuitischen Quellen (z.B. Jahresberichte) verfügt auch das Stadtarchiv Wiener Neustadt über einige Quellen zum Jesuitenkolleg, die aufgrund des Archivsystems aus dem 19. Jahrhundert nur mühsam erforscht werden können. Einige relevante Archivbestände:
- Scrinium 46. Nr. 13. (Gründung, Hauskauf 1666–1669)
- Scrinium 119. Nr. 28. (Erbauung der Jesuitenkirche, 1665–1666)
Literatur
Avancinus, Nicolaus: Leopoldi Guilielmi, archiducis Austriae, principis pace et bello inclyti, virtutes … Antverpiae, ex Officina Plantiniana Balthasaris Moreti, 1665.
Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau. Bearbeitet von Peter Aichinger-Rosenberger u. a., Teil 2: M bis Z. Horn–Wien, 2003. Oldalszám hiányzik!
Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. Bd. III. In der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts. München–Regensburg, 1921. 194–195.
Duhr, Bernhard: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. Bd. IV. Im XVIII. Jahrhunderts. München–Regensburg, 1928. 371–372.
Mayer, Josef: Geschichte von Wiener Neustadt. Bd. II. Wiener Neustadt in der Neuzeit. 1. Teil. Wiener Neustadt als Grenzfestung gegen Türken und Ungarn. Wiener Neustadt, Magistrat Wiener Neustadt, 1927. 405–406., passim.
Mayer, Josef: Geschichte von Wiener Neustadt. Bd. II. Wiener Neustadt in der Neuzeit. 2. Teil. Die Zeit des Absolutismus. Wiener Neustadt, Magistrat Wiener Neustadt, 1928. 125–127., 149–152., 161–162., passim.
Neunkirchnerstraße 17, Stammhaus der Wiener Neustädter Sparkasse. Festschrift zur Revitalisierung. Hrsg. von Wiener Neustädter Sparkasse. Wien, 2022.
Schuster, Herbert: Theatergeschichte von Wiener Neustadt. Von den Anfängen bis zum Jahre 1794. Dissertation an der Universität Wien. 1959. 113–156.
[Städteatlas Wiener Neustadt:] Gertrud Gerhartl: Wiener Neustadt. Kommentar. In: Österreichischer Städteatlas. Hrsg. von Felix Czeike, Renate Banik-Schweitzer, Gerhard Meißl, Ferdinand Opll, Andreas Weigl. (Wien 1977–2013)
Stegbauer, Sylvia: Die Jesuiten in Wiener Neustadt. Die Baugeschichte des Jesuitenkollegiums. Die ehemalige Jesuitenkirche in Wiener Neustadt. In: Neunkirchnerstraße 17, Stammhaus der Wiener Neustädter Sparkasse. Festschrift zur Revitalisierung. Hrsg. von Wiener Neustädter Sparkasse. Wien, 2022. 33–65.
Zak, Edmund: Beiträge zur 300-jährigen Geschichte des Wiener Neustädter Gymnasiums. Erste Zeitperiode: 107 Jahre Jesuitengymnasium. In: Festschrift des Bundesgymnasiums in Wiener Neustadt anläßlich des 300-jährigen Bestandes. Hrsg. vom Festausschuß des Bundesgymnasiums Wiener Neustadt. Wiener Neustadt, 1966. 30–37.

